Wer heute in Österreich einen Film fördern lassen will, kommt an einem Thema nicht mehr vorbei: Nachhaltigkeit. Aber was steckt hinter den grünen Anforderungen – und was bedeutet das konkret für Produktionsfirmen?
Nachhaltiges Produzieren ist in der österreichischen Filmbranche längst kein optionales Beiwerk mehr – es ist strukturelle Voraussetzung. Wer das österreichische Umweltzeichen UZ 76 erlangt hat oder die Kriterien der Förderprogramme erfüllt, hat damit bereits einen erheblichen Teil geleistet. Seit 2021 ist nachhaltiges Produzieren fester Bestandteil der österreichischen Filmförderung – als Verpflichtung, die mit konkreten finanziellen Anreizen verbunden ist. Wer die Spielregeln kennt, nutzt sie zu seinem Vorteil.
Die zwei Säulen: ÖFI und FISAplus
Bevor wir ins Detail gehen, ein kurzer Überblick über die zwei großen Fördertöpfe, die in Österreich den Takt vorgeben.
Fördert primär österreichische Kinoförderungen – Spielfilme, Dokumentationen, Animationsfilme – über selektive Förderung und das automatische Programm ÖFI+.
Basisförderung: 30 % der förderfähigen Herstellungskosten
Green Bonus: + 5 % Green Bonus
Fördermaßnahme des Bundesministeriums für Wirtschaft, abgewickelt über die Austria Wirtschaftsservice (aws). Fokus: internationale Serviceproduktionen sowie österreichische TV- und Streaming-Produktionen.
Basiszuschuss: 30 %
Grüner Bonus: + 5 % Grüner Bonus
Klingt erst mal einfach. Die 5 % gibt’s halt obendrauf, wenn man „irgendwie grün“ produziert. Oder? Nicht ganz.
Was das ÖFI wirklich verlangt
Green Filming ist keine Kür mehr – es ist Pflicht
Seit 2021 sind die Green-Filming-Regelungen für alle vom ÖFI geförderten Herstellungen verpflichtend – unabhängig davon, ob der Green Bonus beantragt wird oder nicht. Ein „Final Green Report“ ist zwingender Bestandteil der Endabrechnung jedes geförderten Kinofilms. Wer das ignoriert, hat ein Problem bei der Schlussabrechnung.
Das ÖFI hat einen eigenen Kriterienkatalog der ökologischen Standards entwickelt, der zwischen MUSS- und SOLL-Kriterien unterscheidet. Seit Anfang 2026 umfasst dieser Katalog 26 MUSS-Kriterien. Für die Basisförderung müssen mindestens 20 davon erfüllt werden. Wer den Green Bonus will, muss die Latte höher legen: mindestens 22 von 26 MUSS-Kriterien sind nachzuweisen.
Der Green Film Consultant: verpflichtend
Eine zentrale Anforderung, die viele unterschätzen: Der Einsatz eines Green Film Consultants ist verpflichtend. Nicht optional. Nicht „wäre schön“. Pflicht. Dieser Consultant begleitet die Produktion, berät bei der Umsetzung der Kriterien und hilft, die Dokumentation sauber aufzusetzen. Die Kosten dafür sind förderfähig – ein wichtiger Punkt in der Kalkulation.
CO₂-Bilanz mit dem LAFC-Rechner
Es reicht nicht, am Ende der Produktion zu sagen: „War eh alles recht grün.“ Das ÖFI verlangt eine Gesamt-IST-CO₂eq-Bilanz, erstellt mit einem filmspezifischen Rechner. Das ÖFI schreibt dabei den Einsatz des LAFC-Rechners vor. SOLL- und IST-Werte müssen einander gegenübergestellt werden.
Der Green Bonus – kein Geschenk, sondern ein Versprechen
Der 5 %ige Green Bonus bei ÖFI+ ist kein Extra, das man am Ende als Belohnung bekommt. Er ist Teil der Finanzierung und wird bei Antragstellung kalkuliert. Die 5 % werden allerdings bis zum Abschluss des Projektes einbehalten – bis der Final Green Report geprüft ist. Werden die Mindestanforderungen nicht eingehalten, verfallen diese 5 % ersatzlos.
Was FISAplus verlangt
Bei FISAplus ist die Grundlogik ähnlich: 30 % Basiszuschuss plus 5 % Grüner Bonus bei Umsetzung von Green Filming. Die Förderungsrichtlinien enthalten eine eigene Anlage 5: Green Producing, die die Anforderungen definiert.
Wichtig: FISAplus hat einen eigenen Kriterienkatalog, der bis Ende 2025 dem ÖFI-Kriterienkatalog entsprach. Die Überprüfung der Einhaltung erfolgt ebenfalls durch akkreditierte Umweltzeichen-Prüfer:innen.
Die konkreten Vorgaben orientieren sich stark an der Umweltzeichen-Richtlinie UZ 76 „Green Producing in Film und Fernsehen“. Diese Richtlinie besteht seit 2017 und liegt seit Jänner 2025 in einer aktualisierten Fassung (Version 3.0) vor. Sie bildet das Rückgrat des gesamten österreichischen Green-Producing-Systems.
Auch bei FISAplus gilt: Bei der Herstellung des geförderten Projektes muss auf eine ökologisch nachhaltige Produktionsweise geachtet werden – die aktuell geltenden Umweltstandards am Filmstandort Österreich sind einzuhalten.
Die Umweltzeichen-Richtlinie UZ 76: Das Fundament
Die UZ 76 bildet die inhaltliche Basis des gesamten österreichischen Green-Producing-Systems. Zu beachten: Teil A der UZ 76 ist ausschließlich Bestandteil der Zertifizierung – er findet sich nicht in den Kriterienkatalogen von ÖFI oder FISAplus. Diese decken im Wesentlichen Teil B ab.
Betrifft das Filmproduktionsunternehmen selbst: Leitbild, Büroführung, Mobilität, IT. Es muss einen Green Producing Beauftragten im Unternehmen geben. Umweltfreundliches Büropapier, zertifizierte Reinigungsmittel, energieeffiziente Geräte – wird geprüft. Nachweis bei Erstantragstellung, danach alle vier Jahre. Nur Bestandteil der UZ-76-Zertifizierung.
Betrifft die konkrete Filmproduktion und ist der umfangreichere Block. Deckt Mobilität, Set-Betrieb, Szenenbild, Kostüm, Catering, Unterkünfte und mehr ab. Dieser Teil ist Grundlage sowohl der UZ-76-Zertifizierung als auch der Förderkriterienkataloge von ÖFI und FISAplus.
Die Kriterien in Teil B decken unter anderem folgende Bereiche ab:
Es gibt MUSS-Kriterien und SOLL-Kriterien, wobei bei den SOLL-Kriterien Wahlmöglichkeiten bestehen. Am Ende prüft ein akkreditierter Prüfer die Einhaltung, und erst nach positivem Gutachten gibt es das Umweltzeichen.
Was das in der Praxis bedeutet
Green Producing ist strukturierte Vorproduktionsarbeit. Es bedeutet, frühzeitig einen Green Consultant einzubinden, ein Green Concept zu erstellen, nachhaltige Lieferanten auszuwählen, das Team zu briefen und am Ende alles sauber zu dokumentieren. Die gute Nachricht: All das ist systematisch geplant kein Mehraufwand ohne Gegenwert – sondern Teil eines Fördermodells, das genau das honoriert.
5 % mehr Förderung. Bei einem Film mit einer Million Euro förderfähigen Kosten in Österreich sind das 50.000 Euro. Und die Mehrkosten für nachhaltiges Produzieren – Green Consultant, Bio-Catering, Elektrofahrzeuge – sind in der Kalkulation als eigene Position anerkannt und förderfähig.
Ein Blick über den Tellerrand
Österreich ist hier kein Einzelkämpfer. Das ÖFI hat 2025 aktiv bei der Implementierung der nordischen Nachhaltigkeitsstandards (NES) mitgewirkt, die auf den deutschen und österreichischen ökologischen Standards basieren. Die Harmonisierung von CO₂-Rechnern und Kriterienkatalogen auf europäischer Ebene schreitet voran. Wer heute in Österreich lernt, grün zu produzieren, ist morgen auch für internationale Koproduktionen gewappnet – wo nachhaltige Produktion zunehmend zur Voraussetzung wird.
Inzwischen wurden über 110 Produktionen von mehr als 40 Unternehmen mit dem Umweltzeichen UZ 76 zertifiziert – darunter internationale Streaming-Produktionen wie Nine Perfect Strangers – Season 2 oder Vienna Blood – Season 4. Das zeigt: Es funktioniert. Nicht ohne Reibung, nicht ohne Lernkurve, aber es funktioniert.
(Aktuelle Zertifizierungszahlen bitte beim VKI erfragen.)
Fazit: Kein Greenwashing, sondern echte Verpflichtung
Die österreichische Filmförderung hat beim Thema Green Producing einen klaren Weg eingeschlagen. Was 2017 mit einer freiwilligen Umweltzeichen-Richtlinie begann, ist heute ein verpflichtendes System mit messbaren Kriterien, finanziellen Anreizen und spürbaren Konsequenzen. Wer die Regeln kennt und ernst nimmt, profitiert. Wer sie ignoriert, verliert Geld.
Und das ist vielleicht die ehrlichste Motivation von allen.